Elemente der Gedenkstätte
Nach den Schrecken des 1. Weltkriegs (1914–1918) war es in allen beteiligten Völkern ein Anliegen, der Opfer würdig zu gedenken. Da sie meist Soldaten waren, entstanden vor allem Gefallenendenkmäler, in vielerlei Formen. In Schiltach wählte man als Ort den Schrofenfelsen, für das Gedenken ein 8 m hohes, weithin sichtbares Kreuz: Zeichen der Trauer und zugleich christlicher Hoffnung. Entworfen hat es der hiesige Künstler Eduard Trautwein (1893–1978), der selber Soldat gewesen war.
Das Denkmal wurde 1925 eingeweiht, am Sockel erinnerte eine metallene Tafel an „111 Söhne der Stadtgemeinde Schiltach. 39 Söhne der Gemeinde Lehengericht“. Das soldatische Symbol des Eisernen Kreuzes und eine Inschrift widmeten es „Den Helden 1914–18“. Am 1925 eingeführten „Volkstrauertag“ fanden beim „Heldenkreuz“, wie es bald hieß, kommunale Feiern statt. Um dem Kriegstod einen Sinn zu geben, nannte man die Gefallenen „Helden“ und ehrte sie dafür, dass sie gewaltsam „fürs Vaterland“ gestorben waren.
Seit 1934 war offiziell „Heldengedenktag“. Nationalsozialistische Formationen traten an, die Redner feierten den „Opfertod“ als „leuchtendes Beispiel“ für künftige Generationen. 1939–1945 wurden die Männer erneut in Schlachten
geschickt. Nach diesem 2. Weltkrieg musste eine weitere Tafel angebracht werden, wofür die „Helden“-Widmung wegfiel: „Stadt Schiltach 101 Gefallene, 58 Vermisste. Gemeinde Lehengericht 49 Gefallene, 29 Vermisste.“
1952 kehrte der „Volkstrauertag“ zurück, als Gedenkstunde mit Rede des Bürgermeisters, musikalischer Begleitung und Kranzniederlegung. Seit 1987 gilt sie „allen Opfern von Gewalt und Krieg“ sowie „Kindern, Frauen und Männern aller Völker“.
Auf dem als Obelisk gestalteten Granit erinnern Inschriften in Polnisch, Französisch und Deutsch an ein besonderes Schicksal: Die Erhängung des polnischen Unteroffiziers Bernard Podziński (Perzynski) am 14. Januar 1942 an einem Baum im nahen Zellersgrund.
Der 27-Jährige war 1939 beim deutschen Überfall auf Polen in Kriegsgefangenschaft geraten und kam als Zwangsarbeiter nach Schiltach. Mit Amalie Fischer aus Offenburg fand er eine Liebesbeziehung, die der Nationalsozialismus aufgrund seiner Rassenideologie verfolgte.
Von Schiltacher Nationalsozialisten angezeigt, wurden sie verhaftet und von „Reichsführer SS“ Himmler kraft Polizeigewalt bestraft: Bernard mit dem Tod, exekutiert durch die Geheime Staatspolizei; Amalie mit Haft im Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie ums Leben kam.
1946 veranlassten die Kameraden Bernards vom „Polnischen Komitee“ die Aufstellung des Steins, als Mahnmal für seine Tötung als „Opfer des Naziterrors“. Der „Polenstein“ kam aber nicht an den Ort seines Todes, sondern – der größeren Öffentlichkeit wegen – an die Bundesstraße. Im Zuge ihrer Verbreiterung wurde er 1990 an den Gründlebühl verlegt.
Der Wandel des Volkstrauertags von der Soldatenehrung zum Gedenken an „alle Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus“ veranlasste den Historischen Verein Schiltach, sich der lokalen Erinnerungskultur zu widmen.
Heldenkult und Verherrlichung von Krieg stoßen uns heute ab. Was bleibt, ist die Trauer um all die verlorenen und zerstörten Leben. Die toten Soldaten haben in Schiltach kein Grab. Sie hinterließen Eltern, Geschwister, Frauen, Kinder. Das Kreuz von 1925 bot ihrer Trauer einen würdigen Ort. Zitate aus Todesanzeigen, 2025 als „fliegende Blätter“ verteilt, zeigen das Leid, das der Krieg über die Familien brachte.
Da heute der Volkstrauertag auch denen gilt, die man verfolgte, weil sie „einer anderen Rasse“ zugerechnet wurden, stand das Schicksal Bernards vor Augen, das kaum mehr bekannt war. Dem Vorschlag, den abseits platzierten „Polenstein“ in die Gedenkstätte zu integrieren, stimmten die Gremien der Stadt Schiltach zu.
Zusammen erinnern beide Monumente jetzt an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Somit auch an politische Systeme, die Menschen bedenkenlos für ihre Ziele opferten, mit der Folge, dass in zwei Kriegen allein aus Schiltach und Lehengericht 400 Männer ums Leben kamen. So ist diese Stätte auch ein Mahn- und Lernort, von dem Signale für Frieden und Verständigung ausgehen können, am Volkstrauertag, wie bei individuellem, gedenkendem
Verweilen.
Historischer Verein Schiltach-Schenkenzell e.V. /
Dr. Hans Harter (2025)